Umgestaltung des Protestantismus nach progressiven Grundsätzen
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der amerikanische Protestantismus grundlegend umgestaltet, um zur Avantgarde einer Bewegung zu werden, die vor allem daran interessiert war, den Managerialismus nach tayloristischem Vorbild zu propagieren (siehe Betrachtungen des Hofnarren vom 19.7.2023). Mit Begeisterung nahm der Protestantismus die Grundsätze und die Praxis der Propagandatechniken an, die Präsident Woodrow Wilsons Committee on Public Information (Komitee für öffentliche Information) als bestes Mittel zur Verbreitung des "Evangeliums der Demokratie" (das heißt des Progressivismus) in nebulösen christlichen Begriffen eingeführt hatte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs übernahm der aufkommende Neo-Evangelikalismus viele dieser Techniken. Die Vervielfachung der übergemeindlichen Organisationen war eine der Folgen der Nachahmung der Rolle und Funktion der untergegangenen Interchurch World Movement (IWM). Wenn man also den Ursprung und die Zielsetzung fast aller evangelikaler Missionswerke verstehen möchte, ist es unumgänglich, sich mit den Gründen zu befassen, die zur Gründung des IWM geführt haben. Von noch grösserem Interesse sind die Ursachen des frühzeitigen Niederganges der IWM. Dieser Aspekt wird in zukünftigen Betrachtungen des Hofnarren erläutert. Ähnliche Entwicklungen zeichnen sich in der gegenwärtigen Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) ab.
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2. Tim. 3,1.2.5: 1 Das sollst du aber wissen, dass in den letzten Tagen schlimme Zeiten eintreten werden; 2 denn da werden die Menschen selbstsüchtig und geldgierig sein, prahlerisch und hochmütig, schmähsüchtig, den Eltern ungehorsam, undankbar, gottlos, [...] 5 sie werden wohl noch den äußeren Schein der Gottseligkeit wahren, aber deren innere Kraft nicht erkennen lassen. Von solchen Menschen wende dich ab!
Hermann Menge-Übersetzung
Viele protestantische Kirchenmänner waren fasziniert von Woodrow Wilsons (1856-1924) Einsatz von Propagandatechniken, um die amerikanische Öffentlichkeit während des Ersten Weltkriegs auf seine Seite zu ziehen. Ein besonders wirksames Instrument der Regierung, das die Kirchenführer faszinierte, war das Committee on Public Information (CPI). Das CPI setzte Methoden der Öffentlichkeitsarbeit ein, die zuerst von den Progressiven entwickelt worden waren, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Im Wesentlichen setzte das CPI Verkaufsmethoden aus der Welt der Werbung ein, um die amerikanische Öffentlichkeit von der Notwendigkeit eines Krieges zu überzeugen. Das CPI war eine Inspiration für viele Protestanten, die sich die Propagandatechniken des Komitees zu eigen machen wollten, um in ihren eigenen Kirchen einen "ideologischen Konsens und institutionelle Solidarität" aufzubauen. Nach dem Ersten Weltkrieg sprachen sich viele protestantische Führer für den verstärkten Einsatz solcher Techniken aus.
Der Wunsch nach einer umfassenden Koordinierung des Protestantismus motivierte viele Diskussionen über die Rolle des Protestantismus in der Nachkriegszeit. Nach dem Krieg erfolgte ein systematischer Versuch, den Protestantismus nach tayloristischen Gesichtspunkten umzugestalten und zwar durch die Organisation der Interchurch World Movement (IWM), die sich auf das Engagement des Immobilienbesitzers und Bank-Großaktionärs John D. Rockefeller Jr. (1874-1960) stützte. Ziel dieser Organisation war es, die karitativen und missionarischen Funktionen aller großen protestantischen Kirchen zusammenzuführen. Der IWM sollte als Vorbote der interkonfessionellen Kooperationen dienen, die den Protestantismus im Laufe des 20. Jahrhunderts prägen sollten. Trotz der negativen Resonanz, die der IWM bei den amerikanischen Fundamentalisten jener Zeit fand (im deutschsprachigen Raum würde man die theologisch Konservativen sagen), spielte er wahrscheinlich eine wichtige Rolle bei der Förderung der Entwicklung von überkonfessionellen Initiativen unter den Evangelikalen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Der IWM versuchte, dem protestantischen Christentum die gleiche Art von globaler Vision zu vermitteln, die auch den Völkerbund charakterisierte.
Auf konkrete Anfrage gebe ich gerne Auskunft über die verwendeten Quellen.
Gestern fehlte die Zeit einen Hofnarren-Text zu versenden, weil ich unterwegs war.

