Die Welt geht einem „progressiven Internationalismus” entgegen
Eines der größten Hindernisse für die Etablierung einer Weltföderation war laut John Foster Dulles die angebliche Kurzsichtigkeit der Kirchen in Bezug auf ihre Hauptaufgabe. Dulles war Anwalt und Vorsitzender der „Commission on a Just and Durable Peace” (Kommission für einen gerechten und dauerhaften Frieden) und setzte sich sehr für die Weltföderation ein. Die Kirchen dürften sich um nichts anderes kümmern als um „die politischen Zielsetzungen eines progressiven Internationalismus”. Das Inangriffnehmen der Vorgaben einer bestimmten Politik müsse an oberster Stelle ihrer Prioritätenliste stehen. Jedem, der sich mit den Verlautbarungen der von Dulles geleiteten Kommission befasste, war klar, was sich hinter dem Begriff „Internationalismus” verbarg. Nichts anderes als die Vereinigung aller Nationen als wichtigste Voraussetzung zur Einführung eines Verwaltungsstaates von globalem Ausmaß. Doch was verstand der Kommissionsvorsitzende unter dem Begriff „progressiv”? Ein Synonym dieses Begriffes ist „fortschrittlich”. Was könnte man also an diesem Ausdruck auszusetzen haben? Ist es nicht der Wunsch eines jeden Menschen, einer glorreichen Zukunft entgegenzugehen, die sogar als die Entstehung des Reiches Gottes auf Erden bezeichnet wird? Würde jemand vermuten, dass sich hinter diesem Begriff eine Bedeutung verbirgt, die die Menschheit in die Zustände des dunkelsten Mittelalters zurückführen möchte? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir die Grundidee eines Verwaltungsstaates – des höchsten Ideals des Progressivismus – verstehen: Die Weltbevölkerung soll sich aus freien Stücken dem Diktat einer mit militärischer Macht ausgestatteten „Verwaltungsinstanz” unterordnen. Demnach wird ein Verwaltungsstaat nicht mit der Vorstellung einer Demokratie im herkömmlichen (republikanischen) Sinne gleichgesetzt, bei der das souveräne Volk die Regierungsmacht innehat. Bei der Einführung einer Weltföderation sollte eine ganz andere Vorstellung zum Tragen kommen: die endgültige und vollkommene Verwirklichung der politischen Vision von Jean-Jacques Rousseau, der „romantischen Demokratie”. Der Begriff „romantisch” bezieht sich dabei auf die romantische Ära des 19. Jahrhunderts. Der Hinweis auf das „Reich Gottes” legt die Vermutung nahe, dass die neue internationale Regierungsform des Verwaltungsstaats unmittelbar etwas mit einer „Welteinheitsreligion” zu tun hat. Tatsächlich sollte diese religiöse Vision seit Ende des Zweiten Weltkrieges immer konsequenter umgesetzt werden.
Im Folgenden gebe ich einen Abschnitt aus meinem Buch Weltföderation wieder:
Zum Abschluss der National Study Conference des amerikanischen Bundesrates der Kirchen, die vom 3. bis 5. März 1942 an der Ohio Wesleyan University in Delaware, Ohio, stattfand, legte der Konferenzvorsitzende John Foster Dulles eine Zusammenstellung von 13 „Guiding Principles” (Leitprinzipien) für den Frieden vor. Kurz danach erschienen diese im Federal Council Bulletin. Im Mittelpunkt der kirchlichen Erklärung stand unübersehbar eine Forderung. „Es muss eine echte Gemeinschaft der Nationen eingerichtet werden […], die sich bereitwillig den Bestimmungen einer mit Autorität versehenen Verwaltungsinstanz unterstellt, um das Allgemeinwohl aller Völker zu sichern.” In einem weiteren Leitprinzip legte die Kommission fest, dass Deutschland und Japan nicht für die Fortführung des Weltkrieges getadelt werden sollten. Darüber hinaus forderte sie die Vereinigten Staaten auf, ihre Politik nach dem Ersten Weltkrieg als kurzsichtig und eigennützig zu überdenken. Nun sei es an der Zeit, dass der Welt nicht nur ein dauerhafter Friede in Aussicht gestellt würde, sondern dass sie sich auch wirklich daran erfreuen könne. Dies könne allerdings erst geschehen, wenn die Kirchen tatsächlich begriffen hätten, dass es ihre wesentliche Aufgabe sei, die politischen Zielsetzungen eines progressiven Internationalismus zu erfüllen. Am Ende würde dieser Internationalismus das Reich Gottes auf Erden hervorbringen, wie es ebenfalls unmissverständlich im Federal Council Bulletin in Aussicht gestellt wurde:
Das Moralgesetz trägt unsere Welt. Die Missachtung des Moralgesetzes verursacht Leiden. Rache und Vergeltung bringen keine Lösungen. Wir müssen einen Weg finden, das gemeinschaftliche Leben der Völker in geordnete Bahnen zu lenken. […] Die Macht der Vereinigten Staaten bringt eine besondere Verantwortung mit sich, der wir bisher nicht gerecht geworden sind. Eine besondere Verpflichtung ruht auf der Kirche Christi. Als Bürger sollten sich Christen darum bemühen, ihren Glauben in die Praxis umzusetzen. Sie müssen danach streben, das Reich der Welt in das Reich Christi zu verwandeln.
In einem Artikel der Zeitschrift Christian Century wurde die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass alles Menschenmögliche unternommen würde, um „den Regierenden der Vereinigten Staaten den wesentlichen Inhalt und die besondere Bedeutung dieses Dokuments zu vermitteln, denn die Missachtung der darin aufgelisteten Grundsätze bringt die Nation in Gefahr”.
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